Zinskommentar Juni 2021

Entwicklung der Wirtschaft

Deutschland:

Dank gesunkener Infektionszahlen sind kaum noch Landkreise von den Regelungen der „Notbremse“ betroffen. Laut Regierung soll diese, wie im Gesetz vorgesehen, zum 30. Juni auslaufen. Die Bundesländer vollziehen Öffnungsschritte in Eigenregie. Außen und Innengastronomie sowie Läden und Hotels öffnen vielerorts, Schulen nehmen den Regelbetrieb wieder auf. Wirtschaftsminister Altmaier will die Homeoffice- und Test-Pflicht für Unternehmen lockern. Der DGB spricht sich dagegen aus. Finanzminister Scholz will bis zum regulären Auslaufen der Regelung Ende Juni an ihr festhalten. Ab 7. Juni beginnen auch Betriebsärzte mit Impfungen. Die Priorisierungen werden ab dann ebenfalls komplett aufgehoben. Auch Jugendliche ab 12 Jahren können sich dann impfen lassen, wenngleich die Ständige Impfkommission (STIKO) für diese Altersgruppe bislang keine allgemeine Impfempfehlung ausspricht.

Eurozone:

Die Situation entspannt sich weiter deutlich. Aufgrund der Ausbreitung der sogenannten indischen Virusvariante (Delta) stuft Deutschland Großbritannien als Virusvarianten-Gebiet ein. Diese Variante ist in UK vermutlich bereits stärker verbreitet als die sog. britische Variante, und sie scheint ansteckender zu sein. Impfungen sind bei alledem auch gegen diese Variante offenbar weitgehend wirksam. In Deutschland ist der Anteil der indischen Varianten von 1,8 % in KW 17 auf 2,3 % in KW 18 gestiegen. Für KW 19 wird sie mit 2,2 % angegeben. Aufgrund geringerer Fallzahlen unterliegen die Angaben zunehmend gewissen Zufallsschwankungen.

China:

Gemessen am BIP pro Kopf und Jahr liegt China noch weit hinter Ländern wie z. B. Spanien, dem man kaum extremen Reichtum oder gar „weltwirtschaftliche Dominanz“ nachsagen würde. Würde die Volksrepublik morgen „nur“ das Pro-Kopf-Einkommensniveau Spaniens erreichen, würde sich ihr BIP um den Faktor 2,6 erhöhen. Da China anstrebt, von einem „Middle-Income Country“ zu einem „High-Income Country“ aufzusteigen und alle Voraussetzungen dafür mitbringt, wird sich auch der Anteil Chinas am Welt-BIP zweifellos weiter erhöhen, und zwar stark. Allerdings ist es noch kein Beleg für „weltwirtschaftliche Dominanz“, wenn es einem Land mit 1,4 Mrd. Menschen, einem im Weltmaßstab nur „mittleren“ Durchschnittseinkommen und regional stark divergierenden Lebensverhältnissen gelingt, seine riesige und in Teilen noch immer relativ arme Bevölkerung zunehmend besser mit Dingen des täglichen Lebens zu versorgen. Dass der Anteil Chinas am Welt-BIP stark steigt, ist per se zunächst nicht bedenklich. „Weltwirtschaftliche Dominanz“ entsteht erst dann, wenn China so fortschrittlich wird, dass es anderen Staaten Dinge vorschreiben oder vorgeben kann. Zum Beispiel, wenn die Weltwirtschaft von chinesischer Schlüsseltechnologie und (Vor-) Produkten aus China abhängig wäre. Diese Rolle teilen sich derzeit eher die USA mit wenigen anderen Staaten, und auch dies nur „sektoral“.

USA:

Die US-Wirtschaftsleistung ist gemäß der vorläufigen Schätzung des Wirtschaftsministeriums im ersten Quartal 2021 mit einer Jahresrate von 6,4 % empor geschossen. Ohne den Lagerabbau der Unternehmen wäre die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal noch höher ausgefallen. Für das zweite Quartal 2021 ist ein Wachstum im zweistelligen Bereich absehbar. Die Lockerung der Corona-Restriktionen in einigen Bundesstaaten sowie die expansive Fiskalpolitik werden das Wachstum befeuern. Im Gesamtjahr 2021 wird die US-Wirtschaft nach unserer Prognose mit 7,5 % wachsen.

US-Zinsen: Ausgehend von Rekordtiefständen hat die Rendite 10- jähriger Treasuries angesichts wachsender Reflationierungsspekulation inzwischen einen Großteil des durch die Coronakrise ausgelösten Rückgangs aufgeholt. Die Fed beginnt mit Vorbereitungen auf ein Tapering der Anleihekäufe, beschwichtigt jedoch Sorgen vor einer abrupten Wende in der Geldpolitik. Wir erwarten, dass die Fed ihr Tagesgeldzielband noch lange nach Abebben der Coronakrise faktisch bei null belassen dürfte. Der Rebound der Langfristzinsen könnte sich zwar zunächst noch fortsetzen. Mittelfristig sehen wir in Summe zunächst nur gemäßigtes zusätzliches Aufwärtspotenzial, das Risiko neuerlicher Marktturbulenzen ist jedoch in Folge sich verändernder Inflationsaussichten zuletzt gestiegen

Aktuelles aus dem Finanzsektor

Die langfristigen EUR-Zinsen (Bund) haben Anfang März 2020 neue Allzeittiefs markiert, anschließend eine Konsolidierung vollzogen und befinden sich nun seit Anfang 2021 in einem ansteigenden Trend. Trotz nachlassender konjunkturellen Risiken dürfte die EZB auf absehbare Zeit keine grundlegende geldpolitische Kurswende vollziehen. Wir erwarten zunächst lediglich ein „softes Tapering“ der Anleihekäufe, eine Anhebung des Einlagesatzes ist auch auf längere Sicht nicht zu erwarten. Die Langfristzinsen (10Y Bund) besitzen mittelfristig zwar Potenzial für einen moderaten weiteren Anstieg, sofern letztlich eine Eindämmung der Corona-Pandemie gelingt. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Negativzinsphase ist indes zunächst nicht in Sicht, da sich der zuletzt stark gestiegene Inflationsdruck mittelfristig wieder ermäßigen dürfte.

In den USA steigen die langfristigen Inflationserwartungen sowohl am Rentenmarkt als auch unter den Verbrauchern weiter an. Die Notierungen am Treasurymarkt haben dennoch kaum auf den jüngsten „Inflationsschock“ reagiert. Hauptgrund dürfte eine relativ entspannte Haltung der US Notenbank sein. Die Fed beginnt zwar jetzt, über ein „Tapering“ zu sprechen. Sie bereitet den Markt jedoch nur in homöopathischen Dosen darauf vor. Kann sie diesen Kurs auch bei weiter steigender Inflation durchhalten? Die 10-jährige Bundrendite ist aus der Handelsspanne der letzten anderthalb Jahre nach oben ausgebrochen. Nicht zuletzt sorgt eine dynamische Entspannung der Corona- Lage für ein rentennegatives Umfeld. Die unerwartet kräftige Aufhellung des Konjunkturumfelds und die Aussicht auf weiter steigende Inflation sprechen für fortgesetzten Renditeaufwärtsdruck. Die gemäßigte Kerninflation begrenzt andererseits das Aufwärtspotenzial. Wir haben unsere Bund-Renditeprognosen angehoben, sehen nach dem Ausbruch nach oben jedoch eher die Verschiebung in einen höheren Korridor (-0,30 % bis 0 % für 10Y Bund) als einen nachhaltigen, dynamischen Trend.