Zinskommentar Mai 2021

Entwicklung der Wirtschaft

Deutschland:

Das ifo-Geschäftsklima legte von rev. 92,7 (zuvor 92,4) auf 96,6 zu: der höchste Wert seit Juni 2019. Die Lage rückte von 90,6 auf 93,0 vor (höchster Stand seit Februar 2020), die Erwartungen gar von rev. 95,0 (zuvor 94,2) auf 100,4. Letzteres ist der höchste Stand seit April 2018. Für den Anstieg der Erwartungen zeichnet vermutlich neben der Aussicht auf eine erfolgreiche Impfkampagne auch das Konjunkturpaket in den USA verantwortlich, dessen Nachfrageimpuls weltweit abstrahlen dürfte.

Auch im zweiten Lockdown leidet v.a. der Facheinzelhandel. Der Internethandel hat dagegen das beste Jahr seiner relativ jungen Geschichte hinter sich und dürfte daran anknüpfen. Der Einzelhandel spiegelt den privaten Konsum wider, der auch im ersten Quartal sehr schwach gewesen sein und das BIP entsprechend belastet haben dürfte.

Die Inflationsdebatte hat im Zuge der neu aufgeflammten Pandemie etwas an Aufmerksamkeit eingebüßt. Dies dürfte nur eine Momentaufnahme sein, da die Inflationsrate im Jahresverlauf weiter steigen dürfte. Auch auf vorgelagerten Stufen sind die Energiepreise Hauptverursacher. Die Preise für Kapitalgüter und dauerhafte Konsumgüter sind stabil oder sogar rückläufig, was die Inflation nach dem Auslaufen der Einmaleffekte bremsen dürfte.

Eurozone:

Nach den Corona-Lockerungen im März zogen die Einkaufsmanagerindizes im Euroraum stark an, getrieben v.a., aber nicht nur, von Deutschland. Selbst der schwergeprüfte Service Sektor hat sich wieder an die Marke von 50 Punkten herangerobbt, welche eine steigende Geschäftstätigkeit verheißt. Über allem ragt aber die Erholung des Verarbeitenden Gewerbes heraus. Die Unternehmen dürften v.a. vom Aufschwung in China und dem Konjunkturpaket in den USA profitieren. Der April wird zeigen, ob die dritte Welle der Pandemie dieses Bild eingetrübt hat.

China:

Der „Lockdown“ in zahlreichen Staaten und die anhaltende Kaufzurückhaltung der chinesischen Verbraucher belasten inzwischen auch die chinesische Wirtschaft wieder etwas stärker. Die Einkaufsmanagerindizes sind zuletzt in Richtung der kritischen Marke von 50 Zählern gefallen, die Sub-komponente „New Export Orders“ sogar auf unter 50 Punkte. Der Aufschwung in der VR China scheint an Fahrt zu verlieren, was auch für die Konjunktur bei wichtigen Handelspartnern Chinas, wie z.B. Deutschland und Japan, ein negatives Signal darstellt. 

USA:

Das US-Wirtschaftsministerium meldete am vergangenen Freitag zwar, dass in den Vereinigten Staaten der persönliche Verbrauch im Februar 2021, in realer Rechnung, um 1,2 % gegenüber dem Vormonat eingebrochen ist. Gleichwohl ist diese Meldung aus mehreren Gründen kein Auslöser für Konjunkturpessimismus. An erster Stelle ist zu nennen, dass die US-Statistiker den Anstieg des persönlichen Verbrauchs für Januar 2021 von 2,0 % auf 3,0 % nach oben revidiert haben. Zudem herrschten im Februar im Osten und Süden des Landes schwere Winterstürme, so dass allein aus diesem Grund für März mit einer Aufholbewegung zu rechnen ist. Darüber hinaus haben einige Staaten im Süden des Landes angesichts stark gefallener Zahl zur Corona-Pandemie nahezu alle Beschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben. Hinzu kommt, dass das US-Schatzamt dem Vernehmen nach per Stand 24. März 2021 Steuerschecks im Volumen von rund 325 Mrd. US-Dollar an berechtigte US-Bürger versandt hat. Damit ist der „Geldsegen“ aus Washington bereits jetzt doppelt so groß wie im Januar, als das US-Schatzamt im Rahmen des zweiten Rettungspakets ebenfalls Steuerschecks an die Haushalte verschickt hatte. Im Ergebnis erwarten wir, dass der persönliche Verbrauch im März mit einer Rate von 6,0 % in die Höhe schnellen wird. Vor diesem Hintergrund nehmen wir unsere US-Wachstumsprognose für das Jahr 2021 von 5,5 % auf 7,5 % nach oben.

Aktuelles aus dem Finanzsektor

In den USA bleibt der Rentenmarkt unter Spannung, die Rendite 10-jähriger US-Treasuries nähert sich zeitweise bis auf wenige Basispunkte dem Vor-Corona-Niveau. Regulatorische Faktoren wirken trendverstärkend. Das Ausmaß des Anstiegs bei den USD-Langfristzinsen ist nicht mehr weit entfernt vom „Taper Tantrum“ des Jahres 2013. Renditeniveaus (deutlich) über 2 % würden das Gespenst eines „Crash-Szenarios“ beschwören, welches u.E. aber wiederum die Fed auf den Plan rufen dürfte. Gegen ein solches „Crash-Szenario“ spricht zudem, dass die Reflationierungsdebatte der Realität zunehmend weiter vorausgelaufen ist. Überdies antizipieren die Marktteilnehmer eine Leitzinswende deutlich früher als die US-Notenbank dies in ihren Projektionen avisiert. Im Euroraum hat sich der Rentenmarkt beruhigt, nachdem die EZB eine Erhöhung des Tempos ihrer Anleihekäufe zugesagt hat, um den Renditeaufwärtsdruck zu dämpfen. Wir haben unsere Prognosen für die USD-Langfristzinsen spürbar angehoben. Die Implikationen für die EUR-Zinsprognosen sind jedoch angesichts der konsequent „dovishen“ EZB-Haltung nur gering.